
Das Schichtprinzip im Hochgebirge: Die Lehre der französischen Alpinisten
Geschrieben von Adrian Chelba — Alpinist, mehrfach am Mont Blanc über die Goûter-Route. Veröffentlicht am 24. Mai 2026 · Aktualisiert am 25. Juli 2026
Das Wichtigste
- Basisschicht: Feuchtigkeit von der Haut wegtransportieren — Merino oder Synthetik, nie Baumwolle.
- Isolationsschicht: Körperwärme zurückhalten — Fleece oder Daunen-/Kunstfaserisolation.
- Außenschicht: Schutz vor Wind und Nässe — muss atmungsaktiv sein, sonst versagt das System.
- Nasse Baumwolle leitet Körperwärme rund 25-mal schneller ab als trockene ('cotton kills').
Schicht 1: Die Basisschicht — Feuchtigkeit nach außen
Die Basisschicht liegt direkt auf der Haut und transportiert Schweiß nach außen, damit die Haut trocken bleibt. Merinowolle oder Synthetikfasern eignen sich dafür — Baumwolle nicht: Nasse Baumwolle leitet Körperwärme rund 25-mal schneller ab als trockene und trocknet im Hochgebirge kaum. Deshalb gilt unter erfahrenen Alpinisten die Regel 'cotton kills'.
Schicht 2: Die Isolationsschicht — Wärme halten
Fleece oder eine Daunen-/Kunstfaserisolation hält die vom Körper erzeugte Wärme zurück. Diese Schicht muss sich flexibel an- und ausziehen lassen, da der Wärmebedarf mit Anstrengung und Tageszeit stark schwankt.
Schicht 3: Die Außenschicht — Schutz vor Wind und Nässe
Die Außenschicht schützt vor Wind, Regen und Schnee. Entscheidend ist die Atmungsaktivität: Ist die Membran nicht durchlässig genug, staut sich die von der Basisschicht abgeleitete Feuchtigkeit unter der Jacke — und das gesamte Drei-Schichten-System verliert seine Wirkung.
Warum das System im Hochgebirge entscheidend ist
Auf einer Mont-Blanc-Besteigung können Temperatur und Windexposition innerhalb weniger Stunden extrem schwanken — vom Schweißausbruch beim Aufstieg zum Refuge du Goûter bis zum eisigen Wind am Gipfelgrat. Das Schichtprinzip erlaubt es, mit wenigen Kleidungsstücken auf diese Schwankungen zu reagieren, statt für jede Bedingung ein eigenes Kleidungsstück mitzuführen.
Ein Stück Geschichte: die ersten Stretch-Hosen für den Alpinismus (1964)
Der Übergang von starrer zu beweglicher, körpernaher Bergbekleidung begann in den 1960er-Jahren. 1964 entwickelte Paul Sailler, Gründer der französischen Marke Cimalp, gemeinsam mit Spinnereien in Nemours die ersten speziell für den Alpinismus konzipierten Stretch-Hosen — ein früher, dokumentierter Schritt in dieser Entwicklung. Das Drei-Schichten-Prinzip selbst wurde über Jahrzehnte von zahlreichen Herstellern weiterentwickelt und lässt sich nicht auf eine einzelne Marke zurückführen.
| Schicht | Funktion | Typisches Material |
|---|---|---|
| Basisschicht | Feuchtigkeit von der Haut wegtransportieren | Merinowolle oder Synthetik — nie Baumwolle |
| Isolationsschicht | Körperwärme zurückhalten | Fleece oder Daunen-/Kunstfaserisolation |
| Außenschicht | Schutz vor Wind, Regen, Schnee | Atmungsaktive Hardshell-Membran |



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FAQ
Warum ist Baumwolle im Hochgebirge tabu?
Nasse Baumwolle leitet Körperwärme rund 25-mal schneller ab als trockene und trocknet extrem langsam — im Hochgebirge ein ernsthaftes Unterkühlungsrisiko.
Aus wie vielen Schichten besteht das Schichtprinzip?
Aus drei: Basisschicht, Isolationsschicht und Außenschicht — jede mit einer eigenen, unabhängigen Funktion.
Muss die Außenschicht atmungsaktiv sein?
Ja — ist sie es nicht, staut sich die von der Basisschicht abgeleitete Feuchtigkeit unter der Jacke, und das System verliert seine Wirkung.
Seit wann gibt es elastische Alpinbekleidung?
Ein früher, dokumentierter Schritt war 1964, als Cimalp-Gründer Paul Sailler mit Spinnereien in Nemours erste Stretch-Hosen speziell für den Alpinismus entwickelte.
Reicht eine Softshell statt einer Hardshell als Außenschicht?
Bei Wind und leichtem Niederschlag ja, bei anhaltendem Regen oder Nassschnee ist eine wasserdichte Hardshell-Membran überlegen.