
Alpinismus-Glossar: Fachbegriffe für Hochtouren
Geschrieben von Adrian Chelba — Alpinist, mehrfach am Mont Blanc über die Goûter-Route. Veröffentlicht am 25. Juli 2026
- Bergschrund
- Der Bergschrund ist die Gletscherspalte an der oberen Grenze eines Gletschers, dort wo sich das fließende Eis vom unbeweglichen Firn oder Fels darüber löst. Anders als eine normale Spalte bleibt er ortsfest — er markiert die Trennlinie zwischen zwei getrennten Eismassen. Im Winter füllt ihn Lawinenschnee, im Spätsommer öffnet er sich und wird zum ernsthaften Hindernis: Die Querung erfordert eine tragfähige Schneebrücke, die der Erste der Seilschaft mit dem Pickel sondiert, oder eine früh in der Saison verlegte Leiter.
- Gletscherspalte
- Eine Gletscherspalte ist eine spaltartige Öffnung in der Gletscheroberfläche, die entsteht, wenn der gleichmäßige Fluss des Eises gestört wird — etwa an Geländestufen, Verengungen oder am Gletscherrand. Da Gletschereis erst in der Tiefe plastisch fließt, reichen Spalten selten tiefer als rund 30 Meter. Besonders gefährlich sind schneeverdeckte Spalten, die für Hochtourengeher unsichtbar bleiben; Querungen sind deshalb am sichersten in den frühen Morgenstunden, solange Schneebrücken noch durchgefroren und tragfähig sind.
- Firn
- Firn ist Schnee, der mindestens einen Ablationszyklus überdauert hat und durch wiederholtes Auftauen und Wiedergefrieren zu gröberen Körnern verdichtet wurde — die Übergangsstufe zwischen Neuschnee und kompaktem Gletschereis. Seine Dichte liegt zwischen 0,4 und 0,8 g/cm³; rund acht Meter Neuschnee verdichten sich zu einem Meter Firn. Firnfelder markieren die oberen, meist gletscherbedeckten Zonen oberhalb der Firnlinie und prägen dort Routenwahl und Steigverhältnisse.
- Grat
- Ein Grat (Gebirgsgrat) ist ein scharfer Bergrücken im Hochgebirge, an beiden Seiten steil abfallend — die Vollform zwischen zwei Gipfeln oder als Ausläufer über einem Tal. Reihen sich mehrere Gipfel über Grate aneinander, spricht man von einem Gebirgskamm. Ein ganzjährig schneebedeckter Grat heißt Firngrat; exponierte Gratkletterei mit Fixseilen, wie am Grat der Cosmiques bei der Aiguille du Midi, verlangt sofortige Absicherung mit Steigeisen und Pickel.
- Seilschaft
- Eine Seilschaft ist eine durch ein Berg- oder Kletterseil verbundene Gruppe von Bergsteigern, die sich damit gegenseitig gegen Absturz sichert — meist zwei Personen (Seilerster und Seilletzter), gelegentlich drei bei geteiltem Halbseil. Auf Gletschern verteilt das Seil außerdem genug freie Länge zwischen den Personen, um im Spaltensturz ein Rettungssystem mit Flaschenzug aufzubauen. Das Seil verbindet Sicherheit mit gemeinsamem Risiko: Der Sturz eines Einzelnen kann in steilem Gelände die ganze Seilschaft gefährden.
- Normalweg
- Der Normalweg ist die am häufigsten begangene Route zu einem Gipfel — das bedeutet nicht automatisch leicht oder ungefährlich, sondern lediglich am meisten frequentiert und in der Regel am besten dokumentiert. Am Mont Blanc etwa gilt die Goûter-Route als Normalweg, am Großglockner die Route ab der Erzherzog-Johann-Hütte. Alternativrouten wie die Trois-Monts-Traverse oder der Stüdlgrat sind oft technischer, aber seltener begangen.
- Viertausender
- Als Viertausender bezeichnet man Gipfel zwischen 4.000 und 4.999 Metern Höhe. Die UIAA führt eine Hauptliste mit 82 solcher Gipfel in den Alpen sowie eine erweiterte Liste mit 46 weiteren Nebengipfeln — die genaue Zahl bleibt umstritten, da einheitliche Abgrenzungskriterien zwischen Gipfel und Nebengipfel fehlen. Die meisten liegen in den Walliser Alpen (41); nur der Piz Bernina zählt zu den Ostalpen.
- Klettersteig-Schwierigkeitsskala
- Die im deutschsprachigen Raum gebräuchlichste Bewertung für Klettersteige ist die Schall-Skala des österreichischen Bergführers Kurt Schall: Buchstaben von A (wenig schwierig) über C (schwierig) bis E (extrem schwierig), in anspruchsvollen Fällen erweitert auf F und G. Parallel existiert die verbale Hüsler-Skala (K1 bis K7). Eine einheitliche, allgemein verbindliche Skala gibt es bis heute nicht — Angaben verschiedener Führer zum selben Steig können leicht abweichen.
- Akklimatisierung
- Akklimatisierung bezeichnet die schrittweise physiologische Anpassung des Körpers an den sinkenden Sauerstoffpartialdruck in großer Höhe — vor allem über gesteigerte Atemfrequenz und Hämoglobinkonzentration. Die entscheidenden Prozesse laufen im Schlaf ab, weshalb die erreichte Schlafhöhe wichtiger ist als die tagsüber überschrittene Maximalhöhe. Bis etwa 3.000 bis 3.500 m genügen meist zwei bis drei beschwerdefreie Nächte; darüber verlängert sich die nötige Anpassungszeit auf drei bis sieben Tage.


